Hauptmenü
Galerie > Wand / Fassade












Seelenflucht
Das Fassadenbild "Seelenflucht" führte ich im Rahmen der Maturaarbeit an der Bündner Kantonsschule aus. Zuerst bekam ich die Fassade zur Verfügung gestellt und danach überlegte ich mir ein passendes Motiv. Nach vielen Stunden Bücher lesen und Skizzen machen zeichnete ich die definitive Idee auf Plakatgrösse.
In einer Mai-Nacht (in der es leider in Strömen regnete) konnte das Motiv mit Hilfe eines Beamers auf die Fassade übertragen werden. Seit dem 19. August ist die Bemalung fertig.
Das Fassadenbild ist eine Umsetzung dieser Churer Sage:
Der Bräutigam in der Kathedrale
Vor langer Zeit ging ein junger Churer am Abend vor seinem Hochzeitstag in die Kathedrale, um zu beten. Es war schon spät und finster in der grossen Kirche. Da gewahrte er Licht in der Krypta, wo anderntags die Hochzeitsmesse stattfinden sollte. Und er ging hin, um zu sehen, wer dort sei.
Da sah er zu seinem Erstaunen vor dem Altar der Krypta eine Menge brennender Kerzen, ganz verschiedener Grösse. Während manche durch ihre Länge auffielen, waren etliche am Verlöschen. Und diese drückte ein Knochengerippe - wohl der Tod, wie er auf alten Gemälden im bischöflichen Schloss dargestellt ist - mit seinen dürren Fingern aus, während ein Engel neue Kerzen herbeibrachte und anzündete. Diese Kerzen waren wohl die Lebenslichter der Einwohner von Chur.
Da sagte der Jüngling zum Engel, er möchte gar zu gerne wissen, welches seine Kerze sei. Darauf sprach der Engel: "Die dort hinten in der Ecke" und zeigte darauf hin. Diese Kerze war eben am Verlöschen. Erschrocken antwortete der junge Mann, er stehe doch gerade vor seiner Hochzeit. Darum bitte er den Engel, er möge ihm doch eine neue Kerze anzünden, die ihm am morgigen Hochzeitstag hell leuchte und dann noch lange Jahre. Der Engel entsprach seiner Bitte, stellte für ihn eine besonders lange Kerze auf und zündete sie an. Darauf betete der Hochzeiter noch etliche Vaterunser und verliess dann die Krypta.
Wie er nun aus der Kathedrale herauskam, kam ihm alles merkwürdig fremd vor. Er fand seines Vaters Haus und jenes seiner Braut trotz allem Suchen nicht mehr. Auch traf er keinen Bekannten, er kannte überhaupt keinen Menschen. Da begab er sich aufs Rathaus in der Reichsgasse und hielt in der Kanzlei Nachfrage. Da fand man beim Nachschlagen in Büchern und Akten, dass vor hundert Jahren ein junger Mann mit Namen, wie er ihn angebe, am Abend vor seinem Hochzeitstag spurlos verschwunden sei. Wie er sich nun in einem Spiegel anschaute, erblickte er einen steinalten Mann, mit schneeweissem Haar und Bart. Da erklärte es sich auch, dass er seines Vaters Haus nicht mehr finden konnte, denn zu Chur hatte in der Zwischenzeit eine grosse Feuersbrunst gewütet, welcher viele Häuser zum Opfer fielen.
Heinrich Jecklin; Churer Legenden, Sagen und Mären; Chur 1983; S. 25
Interpretationsansatz:
Dargestellt ist der Moment, in dem der junge Mann bereits als Greis auf dem Weg zum Rathaus ist.
Die Kathedrale ist auf diesem Bild die Vergangenheit, die Martinskirche die Zukunft des Mannes, der aus der Gegenwart zu fliehen versucht. Wir als Betrachter vor der Fassade stehen da als spätere Generation und ferne Zukunft des Mannes in unserer eigenen Gegenwart.
Der Zeitsprung im Bild ist durch Farbe und Bildgegenstände dargestellt, sowie durch die verschiedenen Uhrzeiten der beiden Kirchen.
Die Perspektive ist fiktiv, es gibt sie in dieser Form nicht. Angelehnt ist sie aber an die reale Sicht auf die Kathedrale. Die Martinskirche bricht die Perspektive des Bildes und zeigt den Weg des Manens zum Rathaus an. Sie hat eher symbolischen Charakter.
Der Blick soll auf das Bild fallen und dem Weg des Mannes folgen. Durch die Farbgebung, Perspektive und intergrierten Objekte führt das Bild aus der Fassade in die Realität. So findet der Betrachter zu sich selbst.
Maturaarbeit 2010 an der Bündner Kantonsschule, Werk mit Begleittext mit der Aufgabe:
"Bemalung einer Fassade der Churer Altstadt unter Einbezug historischer und architektonischer Aspekte."
Hier finden Sie die Fassade. Der Standort (Kreuzung Kupfergasse / Goldgasse) ist dunkelblau umkreist.